SPP forscht
Datafizierung und Arbeitendenmacht oder: Auf Umwegen zum ersten eigenen Forschungsprojekt
von Isabell Mader
Vor Kurzem kam endlich die lang ersehnte E-Mail der Hans-Böckler-Stiftung: Meinem Antrag auf Forschungsförderung wurde zugestimmt. Nach einem über ein Jahr dauernden Beantragungs- und Auswahlprozess ist es jetzt offiziell – ich habe mein erstes eigenes Forschungsprojekt und darf drei Jahre lang einer selbst entwickelten Idee nachgehen!
Konkret geht es in dem Projekt „Arbeitsprozessdaten als Machtmittel der Arbeitenden“ darum, empirisch zu erforschen, wie abhängig Beschäftigte Daten über ihre Arbeit im eigenen Interesse nutzen können – beispielsweise zur Durchsetzung von Rechten oder zum Schutz vor übermäßigen Belastungen. Auf welche unterschiedlichen Weisen können Arbeitsprozessdaten von Lohnarbeitenden als Machtmittel eingesetzt werden und unter welchen Bedingungen kann eine beschäftigtenorientierte Datennutzung gelingen?
Zu diesem Erfolg hat auch ein dreimonatiges Förderstipendium für junge Wissenschaftler*innen des SPP 2267 beigetragen, wofür ich insbesondere Manuel Nicklich und dem Koordinierungsteam in Nürnberg herzlich danken möchte. Anstatt nun das Projekt näher zu beschreiben (siehe hierzu die Homepage der HBS), möchte ich diesen Beitrag nutzen, um ein paar Einblicke „hinter die Kulissen" des Prozesses zu geben, der zum Projekt geführt hat. Denn nicht nur einmal wurde ich gefragt, wie man denn sowas macht, ein eigenes Forschungsprojekt einwerben. Dabei ist es noch nicht lange her, dass ich mir selbst genau diese Frage gestellt habe. Es sind vielleicht gerade die Zufälle, Rückschläge und Umwege, in denen eine verallgemeinerbare Botschaft steckt.
Erster gescheiterter Anlauf
Der gesamte Prozess entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn mein erster Anlauf zu einem eigenen Forschungsprojekt war ausgerechnet die Antwort auf einen Call des noch in Planung befindlichen SPP „Digitalisierung der Arbeitswelten". Heiner Koch und ich – beide gerade in der Endphase unserer Dissertation – bewarben uns mit einer Projektskizze mit dem Titel „Die Rolle selbstlernender Algorithmen für das Entstehen anonymer Herrschaft in Unternehmen". Wir kamen leider nicht in die engere Auswahl. Im Nachhinein ist mir klar: Die Projektidee war primär theoretisch motiviert und schloss wenig an empirische Forschung an, das Forschungsdesign war viel zu vage. Wir hatten schlicht keinen Plan, wie man einen Forschungsantrag schreibt.
Eine Szene aus einem Workshop des Antragsteams ist mir dabei lebhaft in Erinnerung geblieben: Da wir für unser Projekt noch keine Kontakte ins empirische Feld hatten, stellte Heiner im Plenum die für mich damals naheliegende Frage, ob uns das Antragsteam denn mit den Feldkontakten unterstützen könnte. Ein amüsiertes Lachen ging durchs Plenum. Mir dämmerte, dass das Aufbauen von Feldkontakten möglicherweise zum Kerngeschäft von Arbeitssoziolog*innen gehört. Zum Glück war meine Zeit beim SPP damit aber noch nicht beendet.
Doch noch zum SPP – und zum Humus
Wenig später erfuhr ich vom Zweitbetreuer meiner Dissertation, Hajo Holst, von einer Stelle in seinem Projekt DigiCLASS – das ausgerechnet Teil des mittlerweile bewilligten SPP war. Hajo gab mir eine zweite Chance, meinen sozialtheoretischen Blick auf Arbeit mit echter, „schmutziger“ Empirie anzureichern – und einen wertvollen Tipp mit auf den Weg: Eigene Textideen umzusetzen sei schön und gut, aber man solle die Teamarbeit und die Empirie im Projekt nicht vernachlässigen, denn das sei der Humus, auf dem spätere Ideen wachsen. Das sollte sich früher bewahrheiten, als ich dachte. Zunächst gab mir die Projektarbeit aber vor allem Gelegenheit, mir die handwerklichen Fertigkeiten empirischer Arbeitsforschung anzueignen – man lernt es halt nur, wenn man es tut. Zu der steilen Lernkurve gehörte auch, mal einen (erfolgreichen) arbeitssoziologischen Forschungsantrag zu Gesicht zu bekommen.
Rückenwind durch Mentoring-Programm und Stipendium
Einen wichtigen Impuls bekam ich während eines Mentoring-Programms der Uni Osnabrück. Denn manchmal ist es nötig, einen Schritt vom Tagesgeschäft zurückzutreten – im akademischen Betrieb gibt es ja immer mehr zu tun, als man Zeit hat, und nach der Deadline ist immer vor der Deadline. Das Reflektieren der eigenen Ziele und die Unterstützung durch meine großartige Mentorin führten zu dem Vorsatz, mich noch während der Laufzeit des aktuellen Projekts an einem eigenen Antrag zu versuchen. Das Förderstipendium des SPP gab mir dafür den nötigen Freiraum.
Ein unerwarteter Aha-Moment
Und dann kam aus der Empirie für DigiCLASS2 heraus die zündende Projektidee. Ich kann den Moment sogar genau benennen: Es war während zweier Interviews. Am Rande einer Veranstaltung der Krankenhausbewegung (Feldkontakte!) konnte ich mit zwei politisch engagierten Krankenpfleger*innen sprechen. Eigentlich wollte ich wissen, wie sich die Digitalisierung auf die Arbeit der Pflege auswirkt. Entgegen meiner Erwartungen berichteten beide unabhängig voneinander, wie ihnen digitale Datentechnik dabei hilft, die Regelungen des hart erkämpften Tarifvertrags Entlastung im Arbeitsalltag umzusetzen. Diese Form der Techniknutzung im Beschäftigteninteresse war nicht nur faszinierend, sie war mir auch bisher noch nirgends begegnet.
Obwohl das nicht so ganz ins Forschungsprogramm von DigiCLASS2 passte, beschlossen wir als Team, dieser innovativen Technik-Aneignung als kleiner „Seitenlinie" weiter nachzugehen. Daraus entstand unter anderem ein Text in den AIS-Studien (Mader/Singe 2026), der zudem gut an Erkenntnisse aus DigiCLASS1 zu ungleichen Auswirkungen von Datafizierung auf die Handlungsmacht von Beschäftigten anschloss (Mader 2026). Von da aus war der Schritt zu der Projektidee, beschäftigtenorientierte Datennutzung systematisch-vergleichend zu erforschen, nicht mehr weit. Das letzte Puzzlestück war ein wohlwollender Mitarbeiter der HBS, der meine Idee gut fand und mein Projekt – nicht ohne ein gewisses Risiko einzugehen – unterstützte.
Fazit: Was lässt sich daraus lernen?
Erstens: Ein guter Weg zu einer tragfähigen Projektidee ist, wenn sich diese aus dem empirischen Feld selbst ergibt und nicht von außen herangetragen wird. Dafür ist Feldkenntnis unverzichtbar – was einem die Arbeitenden in Interviews erzählen ist so viel unabgeschlossener, widersprüchlicher und in diesem Sinne „schmutziger" als jeder veröffentlichte Text, und genau deshalb der beste Humus für neue Forschungsprojekte.
Zweitens sollte man sich Unterstützung suchen und Sozialkontakte aufbauen, sowohl ins empirische Feld als auch zu Kolleg*innen. Denn wer ohne die Hilfe anderer Menschen auskommt, ist, frei nach Aristoteles, entweder ein Tier oder ein Gott – das gilt auch in der Arbeitsforschung.
Und drittens braucht man die bekannten „Schlüsselkompetenzen“ für die Wissenschaft: Toleranz für Rückschläge und prekäre Beschäftigungsbedingungen, Lust auf Umwege und zum Ergreifen von Gelegenheiten – und schließlich einfach sehr viel Glück in der akademischen Lotterie.
Literatur
Mader, Isabell (2026): Datafizierung und Macht im Arbeitsprozess, PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 56(222): 63–83. DOI: 10.32387/prokla.v56i222.2231
Mader, Isabell & Ingo Singe (2026): Kontrolle von unten. Die Rolle digitaler Technik bei der Umsetzung qualitativer Tarifverträge’, AIS-Studien.