SPP berichtet
Forschungsaufenthalt in einer zerrissenen Stadt: Mein Mercator-Fellowship in Dublin
von Konstantin Klur
Dank dem DFG Schwerpunktprogramm 2267, der Unterstützung von Manuel Nicklich und der Einladung von Prof. James Steinhoff konnte ich für ein Mercator-Fellowship vergangenes Jahr drei Monate (Juli bis Septmeber 2025) an der School of Information and Communication Studies (ICS) am University College Dublin (UCD) verbringen. Ich möchte hier einige Eindrücke meines Aufenthalts teilen, der wesentlich zwei Ziele hatte: internationalen und interdisziplinären Austausch zum derzeit laufenden Projekt „Politics of Inscription (SCRIPT)“ zu pflegen und meine Dissertation, die auf Empirie aus dem Vorgängerprojekt „Politics of Performance (PoP)“ beruht, ein gutes Stück Richtung Fertigstellung zu bringen.
Dublin ist, das wurde mir beim Ankommen in meinem Zimmer in der Innenstadt schnell klar, eine widersprüchliche Stadt, die in ihrer polarisierten Klassenzusammensetzung zwischen Massentourismus, hochbezahlten Tech-Workers und prekärer Mehrheit letztlich ein Thema berührt, das wir in SCRIPT innerbetrieblich hinsichtlich der asymmetrischen Verteilung von Entscheidungsmacht über technische Entwicklungslinien und Technikdesign untersuchen. Während wir uns in SCRIPT unter anderem mit dem innerbetrieblichen Klassencharakter von Technikentewicklung und -design auseinandersetzen, wurde der gesellschaftliche Klassencharakter der (Weiter-)Entwicklung digitaler Infrastrukturen auf den Straßen Dublins handgreiflich: Mit einer niedrigen Körperschaftssteuer hat Irland eine Vielzahl von Leitunternehmen der Plattformökonomie und damit auch eine Vielzahl an überdurchschnittlich gut bezahlten Arbeitsmigrant*innen insbesondere aus den Vereinigten Staaten und dem europäischen Festland angezogen. Zugleich ist die soziale Lage vieler Menschen in Dublin verheerend: Mit der Ansiedelung internationaler Konzerne sind die Mieten extrem gestiegen – selbst als in München Geborener und Aufgewachsener war ich bei der Wohnungssuche und von der Wohnsituation vieler Doktorand*innen erschrocken. Zugleich ist der Mieter*innenschutz extrem schlecht, öffentlicher Wohnungsbau kaum vorhanden und der Arbeitsmarkt abseits hochbezahlter Jobs in der Tech-Industrie äußerst prekär. Das alles resultiert in einer hohen Zahl wohnungsloser Menschen, deren Leiden das Stadtbild – zumindest abseits des von der restlichen Stadt einigermaßen abgetrennten Distrikts, der für internationale Kapitalien angelegt wurde – prägt. Weder landespolitisch noch stadtpolitisch erhalten diese Menschen signifikante Unterstützung, die Opfer der mit den sozialen Verheerungen einhergehenden Opioiden-Epidemie sind stattdessen Projektionsfläche für Ressentiments aller Art. Ein klein wenig Abhilfe wird insbesondere durch die irische Heilsarmee geschafft, die Notunterkünfte betreibt. Die ehemals starke Squatting-Szene Dublins ist inzwischen einem verschärften Policing von Besetzungen leerstehender Häuser zum Opfer gefallen.
Auch wenn die Stadtentwicklung auf Kosten insbesondere von Menschen aus unteren Klassen und mit der Verdrängung alternativ-kultureller Orte einher geht, ist Dublin auch eine ungemein lebendige Stadt. Trotz aller Gentrifizierungsschübe ist sie voller Clubs und Pubs mit Live Musik, in welchen Post-Punk sein Revival feiert und irische Volksmusik in allen möglichen traditionellen und modernen Variationen gespielt wird. Auch die Parks der Stadt sind (zumindest nahe des Zentrums) zahlreich und schön, mit einer Vielfalt an Vogelarten, für die man in München in den Zoo müsste und deren komplexes Zusammen- und Gegenspiel den morgendlichen Kaffee im Park sehr unterhaltsam macht. Der Commonwealth-Imperialismus ist in der Stadt – etwa durch Denkmäler für irische Revolutionär*innen und die Opfer der großen Hungersnot (1845 bis 1852), die durch die Zwangsabgaben an Großbritannien mit-verursacht wurde – klar sichtbar und in den Köpfen der Menschen, die ich kennenlernen durfte, äußerst präsent.
Widersprüchlich ist auch der Hauptcampus der UCD in Belfield im Süden von Dublin: Für Freund*innen brutalistischer Architektur wie mich ist dieser für sich genommen eine Sehenswürdigkeit. Als ein liebgewonnener Doktorand aus dem PhD-Lab mir erzählte, dass die seltsam niedrigen und weit voneinander entfernten Stufen auf dem Campusgelände es studentischen Rioteers erschweren sollte, sich in größeren Massen schnell über den Campus zu bewegen, drängten sich mir zugleich immer wieder Assoziationen mit der Universität Nanterre im Norden von Paris auf, wo in den 19060er Jahren funktionalistische Bauten aus dem Boden gestanzt wurden, die den studentischen 68ern Frankreichs, von der Alltagskritik Henri Lefebvres inspiriert, als Verkörperung der spätkapitalistischen Entfremdung des Alltagslebens galten, gegen die sie auf die Straße gingen. Das PhD-Lab war unterdessen eines der Highlights meines Aufenthalts (und zugleich ein ernüchternder Beleg für die Exklusivität und Homogenität des deutschen akademischen Betriebs): Etwa die Hälfte der Doktorand*innen waren geborene Dubliner mit unterschiedlichem sozialem Hintergrund, die andere Hälfte kam aus allen möglichen Ecken der Welt: Wales, Sri Lanka, China, Venezuela, und vielen mehr. Die Lebenslagen der anderen Doktorand*innen waren durchmischt, ein gemeinsamer Nenner fast Aller aber die Prekarität: sei es durch den unsicheren Aufenthaltsstatus von Menschen ohne EU-Staatsbürgerschaft oder durch Geldnot aufgrund von hohen Mieten und prekären universitären Verträgen. Spannend und hoffnungsvoll war es, die junge Gewerkschaft für Studierende und Angestellte der Universität durch die Teilnahme an einigen Sitzungen bei ihrer Neuformierung und Strategieplanung beobachten zu dürfen.
Die ICS vereint recht unterschiedliche Forschungsgebiete auf sich und entsprechend gehen auch die Dissertationsvorhaben auseinander: Von Untersuchungen zu queerem Leben in islamischen Communities über kritische Auseinandersetzungen mit AI und ihren Auswirkungen bis zum Programmieren spezialisierter AI-Anwendungen mit Aspiration auf einen Job im Tech-Quartier nahe der Innenstadt: die Projekte waren vielfältig, zuweilen sehr widersprüchliche Positionen wurden an nebeneinanderliegenden Arbeitsplätzen erarbeitet. Wie auch in der deutschen Arbeitssoziologie oftmals kaum ein Weg daran vorbeiführt, Digitalisierung zu thematisieren, war die Zahl der Dissertationsprojekte, die sich nicht mit AI beschäftigt, klar in der Unterzahl. Für meine Arbeit an SCRIPT war das und die Vielfalt an Forschungsperspektiven ein Gewinn: Ich war vier bis fünfmal die Woche im PhD-Lab und konnte dort sowohl konzentriert an Projekt und Dissertation arbeiten als auch mit liebenswürdigen und spannenden Menschen verschiedener Fachhintergründe Gespräche und Diskussionen zu Bedeutung und Auswirkungen digitaler Technologien führen. Mit James Steinhoff traf ich mich regelmäßig, um über unsere derzeitige Forschung in SCRIPT und seine aktuellen Arbeiten und Perspektiven auf digitale Technologie auszutauschen. Während wir derzeit empirisch zu digitaler Technik forschen, erarbeitet James in seinen jüngsten Publikationen ein theoretisch-konzeptuelles Verständnis digitaler Technologie im Kapitalismus, das sich auch für unser Projekt als sehr nützlich erweist – eine Konvergenz, die in eine gemeinsame Publikation einfließen soll.
Die Zeit in Dublin war wissenschaftlich wie persönlich sehr bereichernd und ich bin glücklich über die Möglichkeit, diese im Rahmen des Schwerpunktprogrammes dort verbracht haben zu können.