SPP publiziert
Komplexität soziomaterieller Fallbearbeitung
von Korbinian Gall
Praktische Forschung ist eine vielschichtige Tätigkeit, die es mitunter erfordert, als Forscher für mehrere Monate in andere Tätigkeitsfelder abzutauchen. Solch tiefgreifende empirische Forschung erfordert ein forscherisches Engagement, das mit dem Preis hoher zeitlicher Investitionen einhergeht. Umso wichtiger ist es, dass die Entdeckungen solcher Phasen nicht im wissenschaftlichen Alltagsgeschäft oder in themenfremden Anschlussbeschäftigungen untergehen. Denn eine solch umfangreiche Empirie, wie sie sich im Anschluss an eine ethnografische Forschung zeigt, erfordert – ebenso wie ihre Erhebung – eine tiefgreifende Auseinandersetzung.
Im Anschluss an eine einjährige Feldforschung im Rahmen des mehrjährigen Forschungsprojekts „Digital Cases“ wurde mir eine solche vertiefte Auseinandersetzung durch das Abschlussstipendium des Schwerpunktprogramms Digitalisierung der Arbeitswelten (SPP 2267) ermöglicht – von Anfang August 2024 bis Ende Januar 2025. Für die Unterstützung bei der Erarbeitung meiner Dissertation mit dem Titel „Die eigentümliche Komplexität soziomaterieller Fallbearbeitung – Ethnografische Studie zur Digitalisierung in und durch Jugendämter“ möchte ich mich erkenntlich zeigen, indem ich einige Einblicke daraus teile.
Als empirische Grundlage der Studie dient ein mehr als 1200 Seiten umfassender Datenkorpus, der auf einer etwa einjährigen Feldforschung in drei verschiedenen Jugendämtern bzw. ihren Allgemeinen Sozialen Diensten (ASD) basiert. Drei Allgemeine Soziale Dienste, ihre digitale Infrastruktur, die Verwaltungen der Jugendämter und ihrer Dienste sowie ein jugendamtsübergreifendes Team zur Betreuung der digitalen Infrastruktur bilden den empirischen Fall der Studie. Die Analyse dieses Falls zeigt, dass soziomaterielle Fallbearbeitung in vielerlei Hinsicht als heterogenes Set komplexer Praktiken verstanden werden muss. Die Studie untersucht diese Praktiken mit besonderem Augenmerk auf die unterschiedlichen Rollen sozialer, materieller und soziomaterieller Elemente im Hinblick auf deren Einfluss auf die Komplexität der Praktiken. Dabei konnten grob gesprochen drei Erkenntnisse herausgearbeitet werden:
Erstens: Fallmanagementsoftware kann in der initialen Figuration – d.h. in der Aufnahme von Fällen – unterschiedlich relevant werden. Dies hängt davon ab, wie akut das Fallgeschehen ist, wie nützlich die vorgefertigten Erfassungsformen den jeweiligen Mitarbeiter*innen erscheinen, welche Friktionen zwischen Software und Fall auftreten und inwieweit sich datenförmig Anknüpfungspunkte zur Einschätzung eines Falls bieten. Ist die Relevanz der Software hoch, lassen sich drei unterscheidbare Formen der Figuration identifizieren: die narrativ-vergleichende Figuration, die organisational-historisierende Figuration und die datenbasiert-strukturierende Figuration.
Zweitens: Die unterschiedliche Relevanz der Fallmanagementsoftware für die soziomateriellen Praktiken der Fallbearbeitung verschränkt sich mit typischen Nutzungspraktiken, die bestimmte Formen des Relevantwerdens der Software forcieren. Die Analyse identifiziert drei solcher Praktiken: Sequenzieren, geprägt durch sequenzielle Entkopplung von Materialitäten; Gleiten, geprägt durch intuitives Navigieren durch die Soziomaterialität; und Selegieren, ein selektives Nutzen der Fallmanagementsoftware orientiert am Primat der Fachlichkeit. Diese Praktiken sind eingebettet in ein sich herausbildendes Netz konfligierender team- und organisationsspezifischer Nutzungsstandards. Die Nutzung der Software bleibt jedoch stets an den Fällen orientiert – je nachdem, wie akut oder kompliziert sie sind oder welche fachlichen Anforderungen sie stellen, beeinflussen sie, inwieweit typische Praktiken zur Geltung kommen oder Standards einbezogen werden. Aus diesen Einblicken lassen sich kontingente Nutzungskorridore nachzeichnen. Diese weisen einen eingrenzbaren, aber durch Nutzungsspielräume gekennzeichneten Rahmen heterogener soziomaterieller Fallbearbeitung auf und entstehen anhand der beschriebenen komplexen Kriterien.
Drittens: Die soziomateriellen Praktiken der Fallbearbeitung sind organisationstypisch situiert. Es bilden sich wiederholbare Konstellationen der Soziomaterialität heraus, die mit der Lösung spezifischer organisationaler Probleme verknüpft sind. Dies zeigt sich etwa bei der Fallzählung: Sie weist komplexe Mechanismen des Öffnens und Schließens von Fällen auf, die als soziomaterielle Praktik eingeübt und durch die Fallmanagementsoftware unterstützt werden. Die organisationstypische Situierung dieser Praktiken veranschaulicht, wie organisationale Komplexität – etwa die Bedeutung von Fallzahlen für Auslastungsmonitoring, Personalentscheidungen oder Teamaufteilungen – in der Soziomaterialität der Fallbearbeitung prozessiert wird.
Einige Ausführungen, die auf Basis desselben Datenkorpus entstanden sind, finden sich bereits in publizierten Aufsätzen. Diese sind teils im Rahmen des Schwerpunktprogramms oder mit Unterstützung durch Kolleg*innen daraus entstanden. Eine Auswahl:
- Büchner, Stefanie; Gall, Korbinian (2023): Digitalisierung in der Sozialverwaltung. Soziotechnische Konstellationen der Fallbearbeitung am Beispiel von Jugendämtern. In: WSI 76 (5), S. 346–354. DOI: 10.5771/0342-300X-2023-5-346.
- Braunsmann, Katharina; Gall, Korbinian (2023): Getting Access and Getting Accounts – Der doppelte Feldzugang in der Erforschung digitaler Infrastrukturen. In: Max Kaufmann und Sylvia Marlene Wilz (Hg.): Krisen des Feldzugangs. Methodologische, empirische und forschungspraktische Beiträge. 1. Auflage 2023. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH; Springer VS (Wissen, Kommunikation und Gesellschaft), S. 71–91.
- Büchner, Braunsmann, Gall, Rahn (2024): Eröffnung neuer Vergleichsräume durch Co-Ethnografie. Digitalisierung im Jugendamt und Krankenhaus. In: Sabine Pfeiffer, Manuel Nicklich, Michael Henke, Martina Heßler, Martin Krzywdzinski und Ingo Schulz-Schaeffer (Hg.): Digitalisierung der Arbeitswelten. Zur Erfassbarkeit einer systemischen Transformation. 1. Auflage 2024. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH; Springer VS.