Datenarbeit. Eine Geschichte der IT-Dienstleistungen

Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Projekthintergrund

Der Siegeszug digitaler Dienstleistungen wird in aller Regel als ein rezentes Phänomen beschrieben. Dabei werden sowohl die zeitliche und räumliche Entgrenzung der Arbeitsbeziehungen durch online-basierte Dienste als auch die voranschreitende Erosion des Normalarbeitsverhältnisses als Kennzeichen eines neuen „digitalen Kapitalismus“ gedeutet. In diesem digitalen Kapitalismus komme es, so die Gegenwartsdiagnostiker, zu einer „Enteignung von Arbeit“ und neuen, neo-liberalen „Risikokaskaden“.

Die Rede von der Emergenz „neuer sozialer Ungleichheiten“ in der Ära digitaler Dienstleistungen aber verschattet, dass es bereits lange vor dem Durchbruch des Internets computergestützte Dienstleistungen gab, über deren Einsatz, Reichweite und Folgen ab den 1950er Jahren in der Bundesrepublik kontrovers gesprochen und geschrieben wurde, zumal hier eminente soziale Ungleichheiten der „Dienstleistungsgesellschaft“ zu Tage traten. Die „Datenarbeit“ – also: das Arbeiten an und mit Computern zur Erfassung, Verarbeitung und Auswertung von Daten – spiegelte so die Veränderung der Arbeitswelten durch den Computer wider.

Fragestellung des Projekts

Das Projekt untersucht die Ausbildung und Entwicklung von IT-Dienstleistungen in der Bundesrepublik Deutschland zwischen den 1950er und den 1990er Jahren. Aus sozial- und kulturgeschichtlicher Perspektive rekonstruiert es die Systeme, Akteure und Formen des Wissensaustauschs im heranbrechenden digitalen Zeitalter. Es erkundet, wie technische Infrastrukturen, Arbeitskräfte und Knowhow mit der Synchronisation der Arbeits- und Geschäftsprozesse zu einer mobilen, „teilbaren“ Ressource innerhalb der neuen „digitalisierten Dienstleistungsgesellschaft“ avancierten.
Das Projekt wirft die erkenntnisleitenden Fragen auf, ob und in welchem Maße der digitale Wandel das Dienstleistungsgewerbe veränderte, betriebsinterne Strukturen und Hierarchien in Frage stellte und soziale und geschlechtsspezifische Ungleichheiten zeitigte.

Besonderes Augenmerk erhalten in diesem Zusammenhang die soziotechnischen Ensembles, in denen Mensch und Maschine zusammenwirken. So rücken die Rechenzentren als emblematische Orte des digitalen Zeitalters in den Fokus des Interesses. Hier soll von der Annahme ausgegangen werden, dass die Genese und Persistenz digitaler Dienstleistungen ganz wesentlich auf der Etablierung neo-tayloristischer Arbeitsregime basierte. Zugleich kreierte die Verbreitung und Auslagerung von „Datenarbeit“ schon in den 1950er Jahren neue Märkte für digitale Dienstleistungen, die Karrieremöglichkeiten für Programmierer, Software- und Systemingenieure in unternehmenseigenen IT-Abteilungen und eigenständigen IT-Beratungen eröffneten. So eroberten die digitalen Experten alsbald die Unternehmen, transformierten Managementkonzepte und kreierten zugleich neue Konflikte unter den Angestellten bzw. zwischen Dienstleistern und Kunden.

Empirisches Vorgehen

Auf der Basis einer breiten Zahl an gedruckten, edierten und archivalischen Quellen – von Zeitungsausschnittsammlungen, Werbebroschüren und Firmenzeitungen über Memoiren und Korrespondenzen, Vorstands- und Betriebsratsprotokolle bis hin zu Schulungsmaterialien und Arbeitsanweisungen – analysiert das Projekt den digitalen Wandel der Arbeitswelten in Diskurs und sozialer Praxis in diachroner Perspektive und versteht sich so als integraler Beitrag zu einer Gesellschaftsgeschichte der Arbeitswelten im digitalen Zeitalter.

Dr. Michael Homberg
Projektleitung

ZZF Potsdam

+49 331 - 74510-122

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